Ärgernis Außenstände – Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer der Vereine Creditreform

Interview mit Volker Ulbricht, Creditreform25,4 Prozent der Unternehmen des Baugewerbes und 24,9 Prozent der Betriebe im Ausbauhandwerk warten bei öffentlichen Auftraggebern bis zu 90 Tage auf den Zahlungseingang für geleistete Arbeit. Bei privaten Auftraggebern ist der Anteil mit 6,7 beziehungsweise 8,5 Prozent aller Unternehmen deutlich niedriger. Das geht aus einer aktuellen Erhebung des Verbandes der Vereine Creditreform e. V. hervor. In einem Interview mit Carsten Seim und Jan Loleit nimmt Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Vereine Creditreform e.V., zu den Gründen Stellung. Das Gespräch wurde geführt für das Magazin des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen. Mitverantwortlich für die Zahlungsverzögerungen machte Ulbricht die hohen Ansprüche öffentlicher Auftraggeber an die „formale Prüffähigkeit“ von Rechnungen.

Jan Loleit: Die Öffentliche Hand zahlt vielfach schleppend – und das ist gerade für die Baubranche existenzbedrohend, warnte Barbara Ettinger-Brinkmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, im Gespräch mit diesem Magazin. Können Sie dies aus Sicht von Creditreform bestätigen, Herr Ulbricht?

Unsere Daten belegen, dass die Insolvenzbetroffenheit von Baubetrieben die höchste aller Branchen ist. Das Zahlungsverhalten öffentlicher Auftraggeber trägt sicherlich dazu bei, dass Betriebe pleite- und Arbeitsplätze verlorengehen. Ein anderer Faktor ist die in Relation zu anderen Branchen geringere Eigenkapitalausstattung von Unternehmen der Baubranche. 

Anzahl Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Quelle: Creditreform
Anzahl Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Quelle: Creditreform

Carsten Seim: Im öffentlichen Sektor wartet jedes vierte Unternehmen aus Baubranche und Ausbauhandwerk zwischen 30 und 90 Tagen auf sein Geld. Dagegen begleichen neun von zehn Privatkunden Rechnungen innerhalb von 30 Tagen. Warum lässt sich der Staat soviel Zeit mit dem Zahlen?

Volker Ulbricht: Öffentliche Auftraggeber stellen einen hohen Anspruch an die sogenannte Prüffähigkeit der Abschlags- beziehungsweise Schlussrechnungen. Sie bauen hier hohe Hürden auf: Zur Prüffähigkeit von Amtswegen gehört nicht nur, dass eine Rechnung klar strukturiert ist; dazu zählt auch, dass formal korrekte Nachweise erbracht werden. Dies sind beispielsweise Mengenberechnungen, Zeichnungen und andere Belege bis hin zu Wiegekarten und Aufmaßskizzen. Nicht jede Rechnung geht im ersten Anlauf durch.

Zahlungsfristen der öffentlichen Kunden

Branche < 30 Tage < 90 Tage > 90 Tage
2016 Bauhandwerk 71,8 25,4 2,8
Ausbauhandwerk 72,8 24,9 2,2
2015 Bauhandwerk 69,7 28,7 1,5

Zahlungsfristen der privaten Kunden

Branche < 30 Tage < 90 Tage > 90 Tage
2016 Bauhandwerk 91,0 6,7 0,6
Ausbauhandwerk 90,5 8,5 0,0
2015 Bauhandwerk 90,3 8,5 0,2
Ausbauhandwerk 89,4 8,4 0,6

Und was passiert dann?

Ulbricht: Der Auftragnehmer schickt beispielsweise seine Abschlagsrechnung. Und drei Wochen danach erreicht ihn eine Nachricht der Verwaltung, die ihn darüber informiert, dass seine Rechnung nicht prüffähig sei. Das Bau- oder Handwerksunternehmen macht einen neuen Anlauf und sendet die vom Auftraggeber geforderten Angaben nach. Die gefühlte Wartezeit aufs Geld beläuft sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf drei Wochen. Formalrechtlich hat die Zahlungsfrist aber noch gar nicht begonnen, weil die erforderlichen Angaben aus Sicht des öffentlichen Auftraggebers noch gar nicht vorliegen.

Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Diesen Unternehmen hilft es in dieser Lage ja auch nicht, dass die Bundesregierung 2014 in ihrem Gesetz zur Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr eine Zahlungsfrist von 30 beziehungsweise höchstens 60 Tagen festgelegt hat.

Genau so ist es. Denn die gesetzlichen Zahlungsfristen beginnen eben erst zu laufen, wenn eine prüffähige Rechnung vorliegt.

Ihr Expertenrat an unsere Unternehmen: Was tun, damit diese Prüffähigkeit schnell vorliegt?

Ulbricht: Unternehmen rate ich, bereits im Vorfeld enge Abstimmungen mit den öffentlichen Auftraggebern zu treffen. Idealerweise erarbeiten Sie im Dialog mit ihren Ansprechpartnern im Rathaus oder bei anderen Behörden eine Checkliste, was im Amt zur erfolgreichen Rechnungsfreigabe benötigt wird. Ich empfehle Bauunternehmen und Handwerksbetrieben, Aufmaße und sonstige quantitative Grundlagen wie etwa Wiegekarten für die Rechnungsstellung für Abschlags-und Schlussrechnungen im Vorfeld vorgezogen durch den Auftraggeber prüfen und abzeichnen zu lassen. So sind diese Aufmaße bei Rechnungsstellung bereits akkordiert worden. Das vermeidet zeitraubende Auseinandersetzungen nach Rechnungsstellung. Darüber hinaus rufe ich alle Bauunternehmen und Handwerksbetriebe auf, häufig und frühzeitig Abschlagsrechnungen zu stellen. Viele Unternehmen machen das bereits. Doch vor allem kleinere Unternehmen tun sich schwer, weil Abschlagsrechnungen auch einen gewissen Verwaltungsaufwand darstellen.

Lässt sich ein solches Vorgehen ohne weiteres durchsetzen, wenn ein Bauunternehmen vor Ort beispielsweise nur einen oder zwei öffentliche Auftraggeber hat?

Ulbricht: Sie sprechen ein wichtiges Problem an. Nicht wenige Betriebe stehen in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu ihren öffentlichen Auftraggebern und scheuen sich naturgemäß, diese zu verärgern. Das hindert sie auch daran, hier ein energisches Forderungsmanagement zu betreiben. Ein weiterer wichtiger Punkt: Bürokratische Abläufe in den Kommunen sorgen für Verzögerungen. Rechnungen gehen von Hand zu Hand, sind von verschiedenen Ebenen abzuzeichnen. Wenn da jemand vom Amt wegen Krankheit oder Personalknappheit ausfällt, bleiben offene Forderungen liegen, und die Dinge verschleppen sich. Gerade in diesem Bereich sind in den Kommunen aber keine Personalaufstockungen zu erwarten, obwohl dies mit Blick auf die Sicherheit der Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft und im Handwerk natürlich wünschenswert wäre. Deshalb ist es umso wichtiger, dass der Auftraggeber alles dafür tut, die Prüffähigkeit seiner Rechnungen soweit möglich sicherzustellen. Er muss seine Auftraggeber im Detail danach fragen, welche Belege er braucht. Man kann Aufmaße übrigens auch im Beisein des Auftraggebers machen und sich diese gleich abzeichnen lassen. Damit ist schon mal klar, dass hier ein gemeinsames Bild besteht.

Müsste die Politik aus Verantwortung für die Arbeitsplätze im Baugewerbe und Bauhandwerk gesetzlich nicht härter gegen säumige Zahler auch im öffentlichen Sektor vorgehen?

Ulbricht: Eine solche gesetzliche Verschärfung wird es nicht geben, weil die öffentliche Hand ja nachweisen kann, dass sie sich bei den Zahlungsfristen nach Einreichung einer formell korrekten, prüffähigen, Rechnung ja im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bewegt. Zufriedenstellend ist dieser Zustand aus Sicht der Auftragnehmer natürlich nicht!

Große privatwirtschaftliche Auftraggeber haben auch ein professionelles Rechnungsmanagement. Wie kommt es, dass hier ihre aktuellen Zahlen zufolge nur 6,7 Prozent aller befragten Unternehmen aus Bauhandwerk und Ausbauhandwerk länger als 30 Tage auf ihr Geld warten, während es im öffentlichen Sektor 25,4 Prozent sind?

Ulbricht: Die Rechnungsprüfung ist im privaten Sektor offenbar weniger bürokratisch als im öffentlichen Sektor. Aber es spielt auch ein anderer Faktor eine wichtige Rolle. Die Zahlungskultur im öffentlichen Sektor ist sowohl bei der Ausgaben, als auch bei der Einnahmenseite wesentlich schlechter als in der Privatwirtschaft. Die Kommunen zahlen langsam, aber sie sind auch nicht gut in der Realisierung eigener Forderungen. An der Geschwindigkeit, mit der man eigene Forderungen einzieht, richtet sich auch das Tempo aus, in dem man eigene Verbindlichkeiten begleichen kann. Das kann man auch im Baugewerbe gut erkennen.

Unternehmen der Baubranche bekommen ihr Geld tendenziell spät. Sie warten im Schnitt also 45,38 Tage auf ihr Geld. In diesem Betrag steckt die gesetzliche Frist von 30 Tagen plus 15,83 Tage Verzug. Das ist wie bei einem System der kommunizierenden Röhren: Wer als Leistungserbringer seine Rechnungen nicht zeitgerecht eintreibt, der tut sich auch schwer, seine Vorlieferanten zu bezahlen. Der Druck wird auf diese Weise weitergereicht.

Interview: Carsten Seim, Jan Loleit. Das komplette Gespräch lesen sie auf der Webseite des Baugewerbeverbandes Niedersachsen, BVN.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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