Die Nähe im Regierungsviertel und die virtuelle Realität der Tagesschau

Ich bin im Regierungsviertel in Mantel und Anzug unterwegs – und mit dem für Berlin typischen Rollkoffer: Akten für ein Seminar. Andere ebenfalls so ausgestattete Menschen kommen entgegen: Ein Ministeriumssprecher schaut prüfend, und ich sehe in seinem Kopf die Frage arbeiten: „Muss ich den grüßen?“ Die Welt ist klein in der Bannmeile, und alle, die so aussehen, als würden sie hier hingehören, könnten sich in einer Runde, bei einem Termin, einer Pressekonferenz oder einer der vielen opulenten Abendveranstaltungen wieder begegnen. Hier treffen sich vielfach dieselben Menschen in denselben Konstellationen bei denselben Ritualen. An diese Szene aus dem vergangenen Sommer fühlte ich mich erinnert, als ich jüngst den #FAS-Aufsatz des Medien-Bloggers Stefan Niggemeier las. Es findet sich auch in seinem Blog. Das Stück ist zwar schon am 1. Februar erschienen. Ich setze ihm hier ein eigenes Lesezeichen, weil es zeitlos interessant ist. Der Aufsatz analysiert unter dem Titel „Die 20-Uhr-Wirklichkeit“, wie sich die Tagesschau „täglich ihre eigene politische Realität“ inszeniert.

Zitat: „… der Kern der Sendung scheint über all die Jahre derselbe geblieben zu sein: vorfahrende Autos, sich hinsetzende Politiker … Eine „Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen“.“ Man könnte hier noch einiges über ikonographische Erscheinungen bei Talkshows schreiben, in denen sich die Talkmaster(-innen) teilweise wichtiger nehmen als ihre Gäste, wobei auch die in der Regel schon von ihrer eigenen Bedeutung überzeugt sind. Hier wie dort gilt, dass sich auf Journalisten- und Politikerseite über Jahre hinweg in einem eng umgrenzten und in der Republik nicht noch einmal so vorhandenen Umfeld immer wieder dieselben Leute begegnen.

Ein früherer Chefredakteur der Berliner Zeitung hat einmal seine Feuilleton-Schreiber über Politik berichten lassen. Das war sehr erhellend und unterhaltsam. Es mangelt ganz sicher nicht an Journalisten, die Politik einmal aus frischen Blickwinkeln beleuchten (wollen und können). Gute Arbeitsbeziehungen sind für die Informationsbeschaffung sicherlich hilfreich. Ein 360-Grad-Circus des politischen und journalistischen Establishments in den Spesenrestaurants der Polit-Mitte von Berlin birgt allerdings die Gefahr, dass die Grenzen verschwimmen und Klischees wie die von Niggemeier angesprochenen sich verfestigen.

PS: Es würde in vielen Fällen schon ausreichen, wenn es Journalisten gelingen würde, allgemeinverständlich zu übersetzen, was im politischen Prozess vorgesetzt wird. Siehe auch Sprachverständlichkeitsstudie der Universität Hohenheim. Phrasen gehören auch zu den immer wiederkehrenden Ritualen in diesem ganz besonderen Berliner Viertel. Zwei politisch ausgewogene Beispiele aus dem Phrasen-Monitor. Sie sind zwar schon aus dem Wahlkampf 2009, aber es dürfte keine Mühe machen, aktuelle Nachfolger zu finden:

  •  „Für Kreditzusagen an eine nicht konsolidierte Zweckgesellschaft müssen grundsätzlich die gleichen Eigenkapitalvorschriften gelten wie für Aktiva vergleichbaren Risikos in der Bilanz.“
  •   „Strategische Industriepolitik verzahnt die Förderung von Forschung, Infrastrukturausbau, Anreize für private Nachfrage, Regulierungen den gezielten Einsatz der öffentlichen Nachfragemacht.“

Auch hier wird die in Niggemeiers Aufsatz angesprochene Distanz zum normalen Leben deutlich. Dieses Problem betrifft nicht nur die Polit-Protagonisten, sondern bisweilen auch jene, die um 20 Uhr das vorstellen, was in Berlin als Wirklichkeit empfunden wird.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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