Euro-Normungswahn im Bauwesen

In einem Interview für das Magazin des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen, BVN, nimmt Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kammeyer, Präsident der Bundesingenieurkammer, den Normungswahn im Bauwesens ins Visier, hier insbesondere die Eurocodes. Die Fragen stellten Jan Loleit, stv. Hauptgeschäftsführer des Verbandes, und Carsten Seim. Wörtlich erklärte Kammeyer: „Die alte Stahlbaunorm zum Beispiel hatte früher circa 100 Seiten, der Eurocode hat heute circa 500 Seiten. Ähnlich sieht es im Massivbau, im Holzbau und im Mauerwerksbau aus.“ Die Frage, ob ein normaler Bauunternehmer ohne Jurastudium die Normungs- und Regelungskulisse noch beherrschen könne, beantwortete er mit: „“Eindeutig nein!“

Streng genommen könne niemand am Bau heute behaupten: Ich habe die Norm bis zum letzten Buchstaben eingehalten.“ Kammeyer: „Das ist unter normalen Umständen gar nicht möglich, weil niemand Normen dieser Größenordnung komplett im Kopf haben kann.“ Weiter erklärte der Präsident der Bundesingenieurkammer: „Wenn ich heute als Prüfingenieur mit meiner Unterschrift bescheinige, dass etwas normgerecht ist, kann ich das letztlich nicht bis in den letzten Buchstaben dieser Regelungswerke hinein bestätigen. Für einen normalen Bauunternehmer ist es völlig unmöglich, alle Details der immer komplexeren Vorschriften im Kopf zu haben, für deren Einhaltung er de jure geradezustehen hat.“

Kurzfristige Besserung dieses Zustandes hält er nicht für realisitisch: „Der einzige Weg, der aus meiner Sicht gangbar ist: Wir führen bauaufsichtlich nur ein, was wir für sinnvoll halten. Das müsste die ARGEBAU, die Konferenz der 16 Bauminister in den Bundesländern, so beschließen.“

Das ganze Interview auf den Seiten des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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