Gespräch mit einem GESAMTMETALL-Präsidenten und einem Arbeitswissenschaftler

„Wir werden länger und flexibler arbeiten müssen.“ In einem Interview mit der arbeitswissenschaftlichen Fachzeitschrift Betriebspraxis & Arbeitsforschung äußern sich Dr. Rainer Dulger, neuer Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, und Professor Sascha Stowasser, Präsident des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa, über Zukunftstrends der neuen Arbeitswelt. Das hier in Auszügen veröffentlichte Gespräch für das ifaa-Magazin ist auf dem Portal von GESAMTMETALL komplett dokumentiert. http://bit.ly/UVQEDB

Dr. Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbandes GESAMTMETALL, und ifaa-Direktor Professor Sascha Stowasser. Auszüge aus einem Gespräch mit Carsten Seim

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Metallberufe haben auf junge Frauen bislang nicht die große Anziehungskraft. Wie lässt sich das ändern?

Dulger: Ich habe in Kaiserslautern Maschinenbau studiert. Der Frauenanteil in meiner Fachrichtung lag bei gerade einmal 2 Prozent. Bei den Ausbildungsberufen liegt bei Frauen der erste technische M+E-Beruf auf Platz 52. Sachliche Gründe – Verdienst, Perspektiven, Arbeitszeiten – hat das beim besten Willen nicht …

Stowasser: Das hat sicher auch mit frühkindlichen Rollenprägungen zu tun. An Schulen, möglicherweise aber auch schon im Kindergarten ist hier anzusetzen, wenn es darum geht, auch Mädchen und Frauen für MINT- Berufe zu interessieren.

Hat die weibliche Zurückhaltung vielleicht auch damit zu tun, dass Industriebetriebe nicht selten mit starren Schichtsystemen arbeiten, die wenig familienkompatibel sind?

Stowasser: Nach unseren Erkenntnissen stimmt das so pauschal längst nicht mehr. Viele Unternehmen bieten höchst flexible Arbeitszeitmodelle an. Als arbeitswissenschaftliches Institut unterstützen wir seit langem
auch kleine und mittlere Unternehmen bei der Einführung intelligenter und lebenssituationsspezifischer Arbeitszeitsysteme.

Dulger: In der Tat hat das herzlich wenig mit dem heutigen Arbeitsalltag zu tun. Daran kann es nicht liegen. Aber trotz aller intensiven Bemühungen, Mädchen für Technik zu begeistern: Das können wir nicht alleine ändern. Ein unbedachter Spruch à la „Das ist doch nix für Mädchen“ aus der Verwandtschaft reicht da oft schon aus, um vorhandenes Interesse kaputtzumachen.

Noch einmal zurück zur Eingangsfrage: Ist Arbeitszeitgestaltung dann grundsätzlich kein Thema?

Dulger: Doch, natürlich ist es das. Zeitgestaltung ist eine der großen arbeitsorganisatorischen und tarifpolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Unsere Kunden erwarten umgehende und umfassende Antworten auf ihre Fragen – und da ich auch Kunden in Brasilien, Australien und China habe, landen die Fragen im Prinzip rund um die Uhr bei uns und müssen beantwortet werden. Auf der anderen Seite fordern – wie gesagt – auch die Arbeitnehmer Freiräume ein. Weniger abstrakt: Der Mitarbeiter muss vielleicht dann mal zu Hause bleiben, wenn ein Kind krank geworden ist. Beides müssen wir in Einklang bringen, ganz zu schweigen von so absurden Folgen wie möglichen Spätschichtzulagen, wenn der Mitarbeiter dann die ausgefallene Arbeitszeit vom privaten Schreibtisch aus nachholt. Dieses Beispiel zeigt, dass die Tarifpolitik ihre Hausaufgaben in den kommenden Jahren erledigen muss. Doch auch der Staat ist gefordert: Statt die Industrie mit Frauenquoten und anderen Regelungen sowie neuen Kostenbelastungen zu traktieren, sollte er sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren: Dazu gehört zum Beispiel ein ausreichendes und qualifiziertes Kitabetreuungsnetz, damit Eltern – Frauen und Männer – Familie und Beruf in Einklang bringen können.

In Zusammenhang mit längeren Erwerbsbiografien wird zunehmend auch über betriebliches Gesundheitsmanagement und physische sowie psychische Belastungen im Arbeitsalltag gesprochen. Wie stehen Sie zu dem Thema?

Dulger: Psychische Erkrankungen müssen wir unbedingt ernst nehmen, und es ist richtig, dass Betroffene entsprechend behandelt werden. Aber wer heute durch eine Fabrik geht, der kann nicht ernsthaft behaupten, früher sei alles viel besser gewesen – zumindest garantiert nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Grundsätzlich gilt: Arbeit darf unter keinen Umständen unter den Generalverdacht gestellt werden, psychische oder physische Krankheiten auszulösen. Sie gehört vielmehr zum Leben und ist der Normalfall für gesunde erwachsene Menschen. Sie kann – auch wenn man sich bei der Zeitungslektüre dabei ja manchmal komisch vorkommt – sogar Spaß machen. Gute auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtete Unternehmen werden von sich aus auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter achten …

Stowasser: … die zudem durch eine im internationalen Vergleich sehr umfassende Arbeitsschutzgesetzgebung geschützt sind. Was die angebliche arbeitsbedingte psychische Belastung angeht, die gerade in jüngerer Vergangenheit intensiv diskutiert worden ist: Hier fehlen auf breiter Ebene valide Daten. Zudem lässt sich nicht trennscharf nachweisen, welche gesundheitlichen Probleme auf das betriebliche Umfeld und welche auf private Ursachen zurückgehen.

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Professor Sascha Stowasser, Foto: Carsten Seim
Professor Sascha Stowasser, Foto: Carsten Seim

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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