Interview mit dem Unternehmer Arndt G. Kirchhoff über Industrie 4.0

Kirchhoff

Anlässlich des Nationalen IT-Gipfels in Berlin erklärte der Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen (METALL NRW), Arndt G. Kirchhoff, in einem Interview mit dem Fachmagazin „Betriebspraxis & Arbeitsforschung“, Deutschland müsse nun alles tun, um diese gute Ausgangsposition weiter auszubauen. „In der ersten Klasse des Industrie-4.0-Zuges sitzen vornehmlich amerikanische Internetfirmen“, betonte der Metallarbeitgeber-Präsident. Zitate aus dem Interview mit Carsten Seim.

Kirchhoff über den Veränderungsbedarf im industriellen Mittelstand 4.0: „In KMU herrscht oft noch eine sehr traditionelle, auf Technik ausgerichtete Mentalität. Einerseits begründet dies unseren sehr guten Ruf als Ausrüster der Welt. Andererseits reicht es heute nicht mehr nur aus, technisch auf dem neuesten Stand zu sein. Wir müssen vielmehr heute schon da sein, wo unsere globale Konkurrenz erst in fünf Jahren ist. KMU müssen sich darüber hinaus bewusst werden, dass ihre Fabrik in Industrie 4.0 ein offenes, lernendes System sein wird.“

Über die digitale Revolution allgemein: „… Industrie 4.0 ist eine zentrale gesellschaftliche und politische Gestaltungsaufgabe geworden. … Die Mitfahr-App Uber wirbelt gerade die globalen Taximärkte durcheinander. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch etablierte Branchen wie etwa unsere Metall- und Elektroindustrie „umgepflügt“ werden.“

Über das digitale Bewusstsein in Chefetagen: „Informationsdefizite weisen eher kleinere Betriebe mit bis zu bis 99 Mitarbeitern auf. Viele erkennen derzeit noch nicht den Sinn, der sich hinter Industrie 4.0 verbirgt. Sie müssen erst noch herausfinden, wo eine Vernetzung von Geräten, Maschinen und Anlagen für ihr Unternehmen Mehrwert schafft und welche neuen Dienstleistungen und Geschäftsmodelle sich daraus generieren lassen. Doch die Verfahren sind komplex und die teilweise hohen Investitionskosten für KMU oft nicht so leicht tragbar. Deshalb bin ich auch dafür, dass Fördermittel und Direktkredite in angemessener Höhe auch ohne horrende Absicherungssummen für KMU gewährt werden müssen.“

Über gemeinsame Standards für den digitalen Austausch: „Es steht außer Frage, dass die Kommunikation, ob zwischen Menschen und Maschinen, Maschinen und Maschinen, Maschinen und Produkten, aber auch zwischen verschiedenen Akteuren innerhalb eines Wertschöpfungsnetzwerkes reibungslos und fehlerfrei verlaufen muss. Hierfür bedarf es gemeinsamer Standards. Noch ist nicht entschieden, auf welcher Plattform die Industrie 4.0 umgesetzt wird. Wir müssen hier dranbleiben, um so in der Gesamtbetrachtung Deutschlands Rolle als führender Industrie 4.0-Ausrüster- und IT-Standort zu behaupten und den Vorsprung – den sehe ich insgesamt immer noch – weiter auszubauen.“

Über die Zusammenarbeit zwischen Menschen und „denkenden Maschinen“: „Natürlich liegt auch in Industrie 4.0 die Verantwortung bei den Beschäftigten – niemand möchte ein „Skynet“ haben, bei dem Maschinen die Menschen dirigieren. Der Mitarbeiter wird in diesem Konstrukt nicht zum Handlanger der IT-Prozesse, sondern vielmehr zum Entscheider. Er wird in der Lage sein, sensorische Lücken zu schließen, Probleme zu lösen und Ausnahmesituationen zu steuern.

Es lässt sich sicherlich nicht ausschließen, dass es Arbeitstätigkeiten geben wird, deren Aufgaben durch die Automatisierung weniger Know-how erfordern. Hier kann es passieren, dass die Maschine beziehungsweise das Assistenzsystem – salopp gesprochen – mehr Ahnung hat als der Mitarbeiter. Dann aber ist es Aufgabe des Unternehmens, das Know-how zugänglich zu machen und zu halten. Je besser ein Beschäftigter über die Prozesse in seinem Unternehmen Bescheid weiß, desto produktiver kann er sich einbringen und desto effektiver wird er bei Fehlern und Abweichungen eingreifen können. Der Mensch muss auf Ausfälle, Unfälle und Unterbrechungen vorbereitet sein und mit solchen Situationen kompetent umzugehen wissen.“

Hier finden Sie das gesamte Interview im Fachmagazin des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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