Interview mit Vizekanzler Sigmar Gabriel und ifaa-Chef Sascha Stowasser: soziale Anerkennung der deutschen Industrie und Chancen 4.0

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Deutschland 2015, Deutschland 2020 – wo wachsen wir hin? Unter dieser Überschrift steht ein soeben erschienenes Interview, das ich mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und dem Ingenieurwissenschaftler Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa, in Düsseldorf, geführt habe. “ In Deutschland bildet die Industrie in weit stärkerem Maße als in vergleichbaren Ländern die Basis für Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze“, betonte Gabriel in diesem Gespräch. „International hat sich die deutsche Industrie mit qualitativ hochwertigen und innovativen Erzeugnissen über Jahrzehnte einen hervorragenden Ruf erarbeitet, der leider oft in Deutschland selbst vielen Menschen gar nicht bewusst ist.“ Weitere Themen dieses Interviews und Antworten der Gesprächsteilnehmer:

Digitalisierung/Industrie 4.0 – Gabriel nannte die „Digitalisierung der Wirtschaft ist eine der zentralen Gestaltungsaufgaben der nächsten Jahre“. Er mahnte aber mehr Investitionen an. Der internationale Vergleich zeige, „dass die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote in Deutschland leider unter den OECD- und Euroraum-Mittelwerten liegt“.

Die deutsche Industrie sei „als Fabrikausrüster der Welt“ in einer guten Startposition für Industrie 4.0, „was die Herstellung von Produkten betrifft“. Allerdings, so Gabriel, „dominieren ausländische Anbieter den Hard- und Softwaremarkt, die »digitale Welt«.
„Wir wollen die deutschen Unternehmen dabei unterstützen, den Rückstand im IKT-Bereich aufzuholen und zum Leitanbieter für IT-basierte Technologien in der industriellen Produktion auf Hersteller- und Anwenderseite zu werden“, erklärte der Bundeswirtschaftsminister.

Der Arbeitswissenschaftler Professor Sascha Stowasser forderte, dass das Arbeitszeitgesetz „entschlackt“ werden müsse, „weil Industrie 4.0 flexiblere Formen der Beschäftigung benötigt“. Zudem sieht Stowasser „viel Normungsbedarf, weil wir Standards definieren müssen, mit denen die Maschinen der Industrie 4.0 zwischen verschiedenen Unternehmen und auch über Länder und Kontinente hinweg kommunizieren können“. Ein wichtiges Normungs-Thema sind für ihn auch „Standards der Datensicherheit“.

Fachkräftesicherung – hierzu erklärte der Vizekanzler: „Wir müssen den Erfahrungsschatz der Älteren bestmöglich und so lange wie möglich nutzen. Das ist angesichts des Fachkräftemangels ein Gebot der Stunde. Dazu braucht es Anreize für Ältere, damit sie ihre Berufstätigkeit fortsetzen und nicht frühzeitig in Rente gehen. Ansatzpunkte für ein »Hineingleiten« in den Ruhestand könnten zum Beispiel flexiblere Hinzuverdienstmöglichkeiten beim Bezug einer Altersrente und flexible arbeitsrechtliche Regelungen sein.

Für den Arbeitswissenschaftler Professor Sascha Stowasser ist eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur eine zentrale Herausforderung, um Menschen und ihre Erfahrungen möglichst lange im Unternehmen zu halten. Unternehmen seien „auf freiwilliger Basis“ gut beraten, „Maßnahmen zu treffen, damit ihre Mitarbeiter gesund bleiben“. Stowasser: „Dazu zählt zum Beispiel eine alternsgerechte Ausgestaltung der Arbeitsplätze – von intelligent eingesetzten Hebehilfen profitieren auch junge Mitarbeiter. Dazu zählen auch ergonomische Schichtsysteme, die es auch älteren Mitarbeitern ermöglichen, länger im Schichtdienst zu arbeiten.“ Wichtig ist für den Ingenieurwissenschaftler auch, dass Führungskräfte „gesundheitsbewusstes Verhalten vorleben“.

Stowasser forderte zudem ein „Bündnis für die gesellschaftliche Anerkennung von Industrie, um Berufe im verarbeitenden Gewerbe attraktiver zu machen und sollten dafür gezielt in Schulen und Hochschulen für diese Berufsbilder werben“: „Anknüpfungspunkte sind dabei Industrieprodukte, die auch junge Leute faszinieren — wir sollten den Stolz darauf wecken, was wir in Deutschland herstellen. Chancen sehe ich … auch im Innovationsschub, der uns bei Industrie 4.0 bevorsteht. Die neue Digitaltechnik, die Virtualisierung und Digitalisierung sowie die Mensch-Roboter-Kommunikation sind Themen, mit denen die Jugend angesprochen werden kann.“

Energiewende und Strompreis-Rabatte – Gabriel verteidigte sein Eintreten für Umlage-Ausnahmen für energieintensive Unternehmen: „Wir brauchen wettbewerbsfähige Standortbedingungen für energieintensive Industrien, deshalb müssen wir die Energie- und Rohstoffpreise unseres Landes im Auge behalten. Die energieintensive Industrie wird durch die Besondere Ausgleichsregelung von Umlagen größtenteils entlastet. … Mit dem Gesetz haben wir die Kostendynamik des Ausbaus erneuerbarer Energien durchbrochen und die Besondere Ausgleichsregelung für die energieintensiven Unternehmen europarechtskonform fortentwickelt. Die Genehmigung der EU-Kommission gilt für die nächsten zehn Jahre — das ist gut für die Planungssicherheit. Es geht also nicht um Industrielobbyismus, es geht um hunderttausende Arbeitsplätze in diesem Land.“

Die Fragen in diesem Interview stellte Carsten Seim.

Das Interview mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Volltext auf der Webseite des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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