Gabriele Heiders Überlebenszeichen

Die Malerin Gabriele Heider
Die Malerin Gabriele Heider

Körpergedächtnis Dimension I nennt Gabriele Heider das eine ihrer beiden 2,80 mal 2,90 Meter großen Bilder. Mit Wucht hat die Malerin halbkreisförmige weiße, blaue, rote Halbkreise auf den Hintergrund geschleudert, der wiederum  in verschiedenen Rottönen, einem hellen Grün und einer sonnengelben Fläche in der oberen Bildmitte gehalten ist. Vor mir sehe ich das fertige Werke, und hinter mir die Spuren ihrer Arbeit in ihrem Atelier – der frühere Heuspeicher des elterlichen Gutshofes, 1928 gebaut mit einem Dachgebälk aus unbehandelten Baumstämmen und rohen Dielen auf Lehm. Darauf sind rechteckige Farbränder zu sehen. Es sind Arbeitsspuren: Gabriele Heider legt die Leinwände auf den Boden, wenn sie in ihre Bildwelten eintaucht.

Während sie den Herstellungsprozess beschreibt, schaue ich mir das fertige Werk an. Dessen Körperlichkeit ist fast physisch spürbar. In den Halbkreisen im Vordergrund des Bildes ist der kraftvolle Armschwung nachzuempfinden, mit dem Gabriele Heider die letzte Ebene aufgebracht hat. Die bogenförmigen Malspuren sind zum Teil gezackt von der Wucht, mit der die Farbe die Leinwand traf. Der Bewegungsablauf, der nötig ist, um diese Formen hervor zu bringen, muss einem archaischen Tanz mit rudernden Armbewegungen gleichen – „es ist wie ein Rausch“,  sagt sie. „Das alles läuft völlig ungesteuert ab.“

Kraftraubend muss es sein.

Gabriele Heiders BIld "Köperdimensionen 1"
Gabriele Heiders BIld „Köpergedächtnis 1“

Was treibt Gabriele Heider an? „Ich will mir damit eine Frage an mich selbst beantworten: Was entsteht in mir und aus mir – aus der Summe meiner unterbewussten Erfahrungen?“, antwortet sie.

Als „Körpergedächtnis“ bezeichnet die Künstlerin die Quelle, aus der ihre abstrakten Bildwelten entstehen. Die Multimedia-Künstlerin Claudia Schink spinnt diese noch verschwommene Erklärung in Das Abendland weiter: „Bilder wachsen in Schichten und Sedimenten. Auch der Künstler ist ein Sediment. Er ist etwa zehntausend Jahre alt. Seine im Lauf der Jahre in Schichten auf der Leinwand aufgetragenen Produktionsprozesse entsprechend den angesammelten Ablagerungen der Menschheits- und Kulturgeschichte.“

Ein Sediment besteht wissenschaftlich betrachtet aus Teilchen, die sich in einer Flüssigkeit als Suspension befunden und abgesetzt haben. Man kann es auch als Niederschlag oder Bodensatz bezeichnen. Dieser Schlamm kann in der Natur als Substrat dienen, aus dem etwas Neues entsteht – durch chemische Prozesse zum Beispiel. Man könnte sich das als Ursuppe und Ursprung eines evolutionären Prozesses vorstellen, der – übertragen auf die Kunst – zu Bildern gerinnen kann.

Gabriele Heiders aktuelle Werke entstehen solchermaßen evolutionär. Sie lagert die Farbe auf dem Untergrund ab und weiß oft erst nach Wochen, ob die Artefakte ihres Produktionsprozesses wirklich gelungene Bildkompositionen sind. Dann nämlich, wenn die dicken Farbschichten aus Öl und Acryl in der Waagerechten liegend zu festen Formen erstarrt sind und sie die Bilder aus der Horizontalen in die vertikale Betrachtungsebene schwenkt. Erst in diesem Moment erkennt sie die gelungene Kreation oder den schöpferischen Fehlschlag.

Dieses Risiko nimmt sie bewusst in Kauf, weil sie sich ganz und gar ihrer Intuition ausliefern will. Von ihr ausschließlich will sich diese Malerin lenken lassen. Malerei als Flucht nach vorn in eine vorgeschichtliche Zeit? Ist die unterbewusste Ebene, die sie für ihr Schaffen sucht, von der Art, nach der sich zum Beispiel Cro Magnon-Men­schen, die steinzeitlichen Künstler, auf ihren vorgeschichtlichen Streifzügen in wegloser Steppe für die eine oder eine andere Richtung entschieden haben?

Schwer vorstellbar für Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, sich diesen Entscheidungsprozess ohne Landkarte oder irgendein Navigationssystem auszumalen. GPS weist heutzutage selbst Radfahrern schon den Weg durch den Großstadt-Dschungel. Spätestens seit dem World Wide Web glauben wir, für alle unsere Entscheidungen Erklärungen zu haben oder finden zu können, wenn dies einmal nicht der Fall sein sollte.

Wir leben in der eitlen Selbst-Überzeu­gung, sogar das Geheimnis unseres Lebens zu kennen – weil Computer inzwischen unser Genom in digitale Datenlisten übersetzen können.

Gabriele Heiders Kunst wirft die Frage auf, ob uns das näher zu uns selbst oder nicht doch weiter von uns weg bringt. Sie will die Verstand gesteuerte Distanz, die wir als moderne Menschen zu unserer Umwelt aufgebaut haben, die wir – von der Logik getrieben – in ihre Bestandteile zerlegen wollen, auf Null bringen. „Ich will alles natürlich aus mir heraus entstehen lassen. Es  ist für mich ein Drang, aber auch eine Erleichterung, aus dem Gesteuerten auszubrechen.“

Die Malerin Gabriele Heider mit Werken
Die Malerin Gabriele Heider mit Werken

Ihre Bilder sind radikal vollzogene Schritte zurück in eine Zeit ohne das Gerüst logischer Erklärung und rationaler Erkenntnis, in dem wir uns heute ganz selbstverständlich bewegen. „Ich will Bildwelten schaffen, für die es auch im Zeitalter der Informationsgesellschaft, die sich anmaßt, alles analysieren zu wollen, keine Erklärung gibt.“ Gabriele Heider ist auf der Suche nach einer Berechtigung der Malerei im Zeitalter des Internets und der elektronischen Bilderflut: „Ich will etwas Neues schaffen, für das es noch kein Vorbild gibt, das man im Internet abfragen kann.“

Inmitten dieses Engineered Environments ist die Malerin auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die wir als Mitglieder der Wissensgesellschaft – von Informationen und Erklärungen überflutet – gar nicht mehr wahrnehmen. Würden wir die Richtung in der weglosen Welt der Cro Magnon-Menschen wissen? Wären wir in der Lage, intuitive Signale zu spüren und ihnen zu vertrauen? Welche Gefühle würden wir haben, wenn wir neue Landschaften entdeckten, deren Abbilder wir noch nie zuvor gesehen haben – zum Beispiel in einem Reiseführer oder im Bildschirmraster des Fernsehens?

Gabriele Heider lässt sich in ihrem Schaffensprozess bewusst genau auf solche Fragestellungen ein. Sie will weiße Flecken in Ihrem Bewusstsein aus den Sedimenten Ihres Unterbewusstseins heraus füllen. Auf intuitive Weise ist sie auf der Suche nach dem, was sie zuvor bewusst noch nicht wahrgenommen hat und will andere an diesem Abenteuer teilhaben lassen. Sie nennt das: „ein Körpergedächtnis-System, das in Dir selber entsteht. Der Körper verändert sich durch dein Leben und dein Tun – ob man das will oder nicht.“ Sie will jene immer noch nicht erklärten Rätsel des Lebens in ihren Bildwelten sichtbar machen.

Gabriele Heider: Körpergedächtnis 1 und 2Malerei ist für sie auch ein Akt der Selbstbefreiung, den sie mit wachsender Radikalität vollzieht. Sie, die nach sechsjährigem Kunststudium in Köln bei Daniel Spoerri und Rolf Glittenberg zunächst zwei Jahre als Bühnenbildnerin an den Bühnen der Stadt Köln wirkte, hat zeitlebens an der eigenen künstlerischen Befreiung gearbeitet. Das begann mit ihrem Weg in die freie Kunst, den sie gegen den erklärten Willen ihrer Familie tat. Und das endet einstweilen mit ihrem Wechsel zur vollständig abstrakten Malerei.

Gabriele Heider hat die „Architektur“, den voraus geplanten Aufbau ihrer Bilder, mit der Jahrtausendwende über Bord geworfen. Warum schleudert sie inKörpergedächtnis Dimension II einen dunkelbraunroten Halbkreis, der anmutet wie geronnenes Blut, vor eine kreisrunde blaue Fläche mit gezackten Rändern? Sie findet dafür keine Erklärung: „Es war keine rationale Entscheidung.“ Das stürzt den Betrachter in Ratlosigkeit. Bis er sich auf die irrationale – eben intuitive – Ebene einlässt, die die Künstlerin für sich selbst gewählt hat.

Die rahmenlose Farbwelt auf dem zweiten Bild des mächtigen Dyptichons schickt Assoziationen durchs Gehirn: „Blut – Sonne – fruchtbares Wachstum – lachsrote Farbe: Mutterleib – düsteres Dunkelblau: Unheil?“ Das Kunstwerk vollendet sich im Kopf des Betrachters, der versucht, die Farbflächen zu ihm bekannten Bildern zusammenzufügen.

Vor seinem inneren Auge entsteht eine dreidimensionale archaische Naturlandschaft: Von hinten scheint es sonnengelb, in einer vorgestellten Bildmitte finden sich flächig aufgetragene lachsrote Flächen, es könnte die Farbe von Blüten sein, oder auch das helle Rot von sauerstoffreichem Blut – in jedem Fall aufgeladen mit Leben –, rechts hellgrüne frühlingshafte Flächen. Sie signalisieren Wachstum und Fruchtbarkeit. Links unten in diesem Paradies ein blauer Kreis, wie draufgeschleudert als Schatten drohenden Ungemachs, abgedeckt durch einen dunkelbraunroten Halbkreis, der anmutet wie geronnenes Blut. Als ob in dieser Bildwelt schon Unheil geschehen wäre.

„Ein Bild muss klingen und von einem inneren Glühen durchtränkt sein“ (Wassily Kandinsky). Gabriele Heiders Bildwelten wirken wie zufällig entstanden, doch sie ziehen den Betrachter in ihre Tiefe und lösen große Emotionen aus. Ihre aktuellen Abstraktionen lassen Grenzerfahrungen ahnen, die die Künstlerin durchlebt hat.“

Gabriele Heiders Bilder sind Lebens-Zeichen – Überlebenszeichen.

Carsten Seim

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.