Schmidt Schnauze

Helmut Schmidt: Schmidt Schnauze. Ein cooler Deutscher, als cool noch nicht in aller Munde war. Ich hatte nie das Glück, ihm als Journalist begegnen zu dürfen. Einmal hatte ich Ben Wisch am Telefon, der zu seinem Inner Circle gehörte. Die Story dazu spielte in einem anderen Land. Rückblende:
In den 70ern war es bis in die Familien hinein eine ideologische Frage, wie lang man seine Haare tragen durfte. Jeder Zentimeter musste hart erkämpft werden. Es kommt einem heute absurd vor. „Mit der Heckenschere“ (Hans-Dieter Hüsch) wollten sie manche abschneiden lassen. Als Verteidigungsminister erließ Schmidt den Haarerlass, der es Bundeswehr-Soldaten zeitweise mit Haarnetz erlaubte, die Matte auch in Kampfmontur zu behalten. Ich war dank Krankenwagen-Zivildienst kein Nutznießer dieser Regelung. Aber es kennzeichnet eine Toleranz Schmidts, die seinerzeit wahrscheinlich mehrheitlich nicht geteilt wurde.
Frühe 70er-Jahre: Meine erste große Freiheit mit 16 als Sprachschüler in Großbritannien. Es war egal, wann ich nach Hause kam. Meine Hostmother war stets wach: Mrs. Zarecki, Witwe eines im Weltkrieg II-Einsatz in der britischen Luftwaffe aktiven tschechischen Jagdfliegers, schwärmte in ihrem Sessel am Kamin in nächtlichen Gesprächen von unserem Chancellor Schmidt. Der Hanseate hatte mit seiner Erscheinung und seinem internationalen Auftreten Eindruck gemacht in GB oder wenigstens an diesem Oxforder Kamin und allein dadurch schon viel für das Ansehen der damaligen Bundesrepublik getan.
Ich bin Schmidt später mittelbar in einem Lambsdorff-Interview und durch Lektüre des Wendepapiers begegnet. Ich kann nicht beurteilen, ob die Zeit für einen Wechsel damals reif war. Wenn ich mir Deutschland und die aktuellen Herausforderungen anschaue, vermisse ich einen Mann oder eine Frau seines Typs. Ich bewundere ihn.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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