Stunksitzung: Easy Rollator-Rider und Gefangenenchor

Stunksitzung Köln. Handyfoto: Carsten Seim

1984 erlebte die Kölner Stunksitzung ihr Debüt. Ihre Macher wollten damit einen Gegenentwurf zum traditionellen Karneval auf die Bühne bringen, der ihrer Meinung nach in seinen althergebrachten Ritualen erstarrt war. Aus der „Instandbesetzung“ ist im Lauf der Jahrzehnte eine etablierte und professionelle Karnevalsrevue geworden. Der Revoluzzer-Stern im Logo erinnert an vergangene Aufsässigkeit gegen das Establishment. Die routiniert und opulent inszenierten Darbietungen führen immer aufs Neue zu ausverkauften Sälen. Stephan Römer organisierte am 13. Januar eine Exkursion zu den Stunkern ins Kölner E-Werk. Es war ein perfekt inszenierter Abend – besser kann man jeckes Entertainment nicht machen.
Highlights dieser Aufführung:

  • Verdruckste IS-Terroristen müssen zur Fingernagelkontrolle bei Mutter Beimer antreten und erweisen sich als sehr schüchtern im Angesicht des Alter Egos der Travestie-Queen Olivia Jones – und das alles vor einer bonbonrosa-farbenen Kulisse mit Handgranaten im „Hello Kitty“-Kinderzimmer-Look. Hello Isis. Lachen, so die Sprecherin, sei die beste Art, hier die Zähne zu zeigen.
  • Spektakulär ist die Fernbedienungsnummer von Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger und den Underground-Köbessen. Sie steuert die gesamte Band scheinbar mit einer Fernbedienung zum Lied „Just a gigolo“. Sekundenschnell spulen Köbes & Co. vor, stoppen plötzlich und spielen sogar rückwärts.
  • Urkomisch war der Professor Grzimek-Auftritt: Eine perfekt mit gelbem Pullunder und Halbglatze im Look des berühmten Fernsehzoo-Professors ausstaffierte Darstellerin stellte die „Gemeine braune Dumpfbacke mit der Unterart Strunzdumme NPD-Nulpe“ vor. Zur Gaudi des Publikums mühte sich derweil ein Skin-Glatzkopf über längere Zeit vergeblich, mit einem Filzstift ein fehlerfreies Hakenkreuz auf eine Flipchart zu zeichnen. „Man dachte, sie wäre ausgestorben, aber die braune Dumpfbacke hat sich insbesondere in Sachsen wieder angesiedelt“, erklärt die Grzimek-Darstellerin. Das kommt an im Publikum, ist es doch weit weg vom Rhein. Nun ist allerdings daran zu erinnern, dass Unterarten der gemeinen braunen Dumpfbacke im Oktober 2014 ganz sicher auch unter den 3000 Hooligans gewesen sind, die seinerzeit in Köln aufmarschierten.

Im Bereich des kölschen Lokalkolorits ist die Oper immer wieder ein dankbares Thema – so auch bei den Stunkern im E-Werk. Ein Tablett Kölsch auf den Tisch – und gemeinsam sangen alle: „Wir versaufen der Oper ihr klein Häuschen“ zur Melodie des Gefangenenchors aus Nabucco. Der Text wurde im Stil eines Teleprompters auf eine Leinwand über der Bühne projiziert, sodass alle mitsingen konnten.

Hervorragend inszeniert waren Techno-Sounds in der Interpretation des fiktiven Tambourcorps Heisterbacherrott. Schnell fand auch die Sirtaki-Nummer mit Merkel, Schäuble und einem Geldscheine-werfenden Alexis Tsipras ihren Weg zum Zwerchfell.

Richtig nostalgisch wurde es im Finale: Während drinnen Köbes Underground – Super-Band übrigens – spielte, fragte der Autor die junge Verkäuferin am Stunksitzungs-Devotionalien-Stand: „Kennen Sie eigentlich Marc Bolan?“ Das war der Leadsänger der 70er-Jahre-Band T. Rex, deren Songmelodie die Köbesse gerade intonierten. Keine Antwort. Nachfrage: „Das war Mitte der 70er. Da waren Sie wahrscheinlich noch gar nicht auf dieser Welt?“ Sie lächelt zustimmend. Jeder Babyboomer, der in den 50er- und 60er-Jahren geboren wurde, hat bei diesem Namen ein Bild vor Augen. Mittdreißiger und Jüngere eben nicht.

Kurz darauf spielte die Band „Hey Jude“ von den Beatles – hunderte Zuschauer im Saal schunkelten und sangen begeistert mit. Auch dieses Lied lässt Bilder im Kopf Revue passieren. Wie schön es damals doch war. Dazu ist festzustellen: Es ist damals wie heute vieles schön und vieles weniger schön, wie beispielsweise ein Blick in den 1967 gedrehten journalistisch sehr gut gemachten BBC-Film „The Stones in the Park“ zeigt.

Die Generationen-Kluft geht auch an der Stunksitzung nicht vorbei. In einer selbstironischen Episode macht das Ensemble dies auch selbst zum Thema. Mit einem zum Chopper umgerüsteten Rollator sausen zwei Darsteller auf die Bühne – zur Melodie von Born to be wild. Jeckes Easy-Riding mit orthopädischen Hilfsmitteln. Dieser Abend war schön, löste aber zumindest beim Autor auch wehmütige Gefühle aus. Zeigte er doch, wie schnell man selbst von der Jugend und dem unbedingten Bedürfnis, vieles anders machen zu wollen, in die angeblich besten Jahre kommt und selbst Teil von Tradition wird.

Bericht und Handy-Fotos: Carsten Seim für den Veranstalter

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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