Tiefststand bei neuen Dualen Ausbildungsverhältnissen und die Empfehlungen eines Jugendforschers

Professor Klaus Hurrelmann Foto: Hertie School of Governance, Interview mit Carsten Seim
Professor Klaus Hurrelmann Foto: Hertie School of Governance

Demografie und eine wachsende Studierneigung sind nach Angaben des Bundesbildungsministeriums für einen neuen Tiefststand bei neu abgeschlossenen Dualen Ausbildungsverträgen verantwortlich. In der Zeit vom 1. Oktober 2013 bis zum 30. September 2014 sind nur 522 200 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Das sind 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr, so die Ausbildungsbilanz des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverhältnisse sinkt bereits seit Jahren und hat, wie die #FAZ meldete, den tiefsten Stand seit der Wende erreicht. Über den wachsenden Wettbewerb um junge Berufseinsteiger und geeignete Angebote für Angehörige der Generation Y sprach ich vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Jugendforscher Professor Klaus Hurrelmann. Er ist Mitglied im Leitungsteam der Shell-Jugendstudie.

Der Professor an der Hertie School of Governance in BerlIn forderte Verbände und Unternehmen auf, die Duale Ausbildung zu modernisieren – “hin zu einer modularen, aufeinander aufbauenden Struktur in Kooperation mit dualen Hochschulen und Berufskollegs”. Junge Leute bräuchten „offenen Perspektiven, damit die Duale Ausbildung in der Konkurrenz zum Studium weiter attraktiv bleibt”. Unternehmen könnten auch Co-Finanzierungen von Studiengängen anbieten: “Wichtig sind dabei klare Zielvereinbarungen mit den jungen Leuten, was in den Semestern zu schaffen ist, damit die Finanzierung fortgesetzt wird.”

BIBB-Statistik: Seit der Wende war die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge nicht so niedrig.
BIBB-Statistik: Seit der Wende war die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge nicht so niedrig.

Professor Hurrelmann zu den Chancen im Wettbewerb um Fachkräfte: „Die Chancen bestehen aus meiner Sicht im gesamten Spektrum (von schwächeren bis hin zu starken Schulabgängern, d.A). Es wäre aber eine völlig falsche Strategie, wenn Handwerksbetriebe sich in dieser Konkurrenzsituation nur auf jene 20 Prozent konzentrieren würden, die sich zwischen der Elite und den Abgehängten bewegen. Ich glaube zudem, dass auch unter den 20 Prozent der Abgehängten Talente dabei sind, die in den Jahren der hohen Arbeitslosigkeit gar keine Chance hatten. Aber das Handwerk muss und sollte den Blick auch auf die Elite richten. Die Jahrgangsquoten mit Abitur erreichen in einigen städtischen Regionen schon fast 70 Prozent eines Jahrgangs. Niemand, der Nachwuchs sucht, kommt an diesem Reservoir vorbei.“

Es kommt aus Sicht des Jugendforschers „darauf an, die ego-taktische Grundhaltung gerade dieser besser Gebildeten zu treffen“: „Diese Haltung resultiert aus den zurückliegenden Krisenjahren am Arbeitsmarkt und der Zeit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die jungen Leute haben zwischen 2000 und heute ihre prägende Jugendzeit verbracht, und sie wussten bis vor kurzem nicht, ob sie überhaupt in den Beruf hineinkommen und irgendwann eine gesellschaftlich etablierte Position würden einnehmen können. Sie haben erlebt, dass es im Arbeits- und Wirtschaftsleben keine Gewissheit gibt. Deshalb leben sie in Alternativen. Sie haben gelernt: Klappt Option A nicht, dann nehme ich eben Option B oder C.“

Der Sozialwissenschaftler machte sich auch für eine weitere Modernisierung und Öffnung der Ausbildung stark: „Es muss dieser Generation, die in Optionen denkt, noch klarer als bisher deutlich machen, dass die Duale Ausbildung keine Sackgasse ist. Betriebe und auch Verbände sind aufgerufen, weiterführende Karrieren als Techniker oder Ingenieure zu kommunizieren. Junge Leute brauchen diese Optionen für die Zukunft, damit sie überhaupt ins Handwerk einsteigen. Mit Blick auf die Mentalitäten dieser jungen Generation muss das gesamte Duale Ausbildungssystem modernisiert werden – hin zu einer modularen, aufeinander aufbauenden Struktur in Kooperation mit dualen Hochschulen und Berufskollegs. Unternehmen können auch Co-Finanzierungen von Studiengängen anbieten: Wichtig sind dabei klare Zielvereinbarungen mit den jungen Leuten, was in den Semestern zu schaffen ist, damit die Finanzierung fortgesetzt wird.“

Im kompletten Interview auf den Seiten des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen äußert sich der Jugendforscher auch zur Frage, wie Angehörige der Generation Y, die er als „Egotaktiker“ typisiert, in Unternehmen eingebunden und motiviert werden können. Das Interview wurde geführt zum Erscheinen des Buches “Die heimlichen Revolutionäre”.

Zur Studie des BIBB

Die BIBB-Erhebung über die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge wird jährlich in Zusammenarbeit mit den für die Berufsausbildung zuständigen Stellen durchgeführt. Dabei werden die Ausbildungsverträge berücksichtigt, die in der Zeit vom 1. Oktober des Vorjahres bis zum 30. September des Erhebungsjahres neu abgeschlossen wurden. Alle Ergebnisse auch nach Ländern und Branchen geordnet im Internet: www.bibb.de/naa309-2014

Für den dramatischen Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge macht das Bundesbildungsministerium insbesondere „den demografisch bedingten Rückgang der Zahl der Schulabsolventinnen und -absolventen sowie die höhere Studierneigung verantwortlich. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bot die Wirtschaft 0,4 Prozent weniger Stellen (insgesamt 539 200) an. Gleichzeitig sank die Zahl der Bewerber um 1,6 Prozent auf 603 400. Laut BIBB sinkt zudem die Zahl von Haupt- und Realschulabsolventen von mehr als 700 000 vor 20 Jahren auf 550 000 in der aktuellen Erhebung. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Zahl aufgrund der Demografie und der wachsenden Neigung zum Studium weiter sinken wird.

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

2 Gedanken zu „Tiefststand bei neuen Dualen Ausbildungsverhältnissen und die Empfehlungen eines Jugendforschers

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