Lernen und Arbeiten 2030: Interview mit Prof. Dieter Spath, Fraunhofer IAO und acatech und ifaa-Direktor Prof. Sascha Stowasser

Der Arbeitswissenschaftler Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Dieter Spath ist Institutsleiter des Fraunhofer IAO und IAT der Universität Stuttgart. Er ist zudem Präsident der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Zudem war er Vorstandsvorsitzender der Wittenstein AG. In der Münchener acatech-Zentrale traf er sich zu einem Gespräch mit ifaa-Direktor Prof. Dr.-Ing. Stowasser und Carsten Seim, Redaktion der B+A. Es ging um demografische und digitale Herausforderungen für unsere Wirtschaft. Thema war auch Peter Altmaiers umstrittene Industriestrategie 2030. Spath ist einer der bedeutendsten Experten für die Arbeitswelt der Zukunft. Das Interview ist in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Betriebspraxis & Arbeitsforschung des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft erschienen.

Thesen aus dem Interview.

Kompletter Text hier zum Download.

Demografische Herausforderungen

Professor Spath:

„Die demografische Lücke wird in den nächsten Jahren zur vielleicht größten Herausforderung für unsere Volkswirtschaft. Bis 2025 werden uns etwa zehn Millionen Erwerbstätige fehlen – der Mangel entsteht nicht nur bei Fachkräften, sondern in der gesamten Breite. Wenn die Sozialsysteme nicht ins Stolpern geraten sollen, muss die Produktivität stark steigen. … Dafür brauchen wir Effizienzinnovation, zum Beispiel durch Digitalisierung und KI.“

„Zugleich stellt sich die Frage, wie wir in der dramatisch aufklaffenden demografischen Lücke noch Arbeitskräfte-Reserven mobilisieren können. Wie können wir noch mehr Frauen in Arbeit bekommen? Hier spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige Rolle. Nach unseren Zahlen ist die berufliche Integration von Frauen allerdings schon recht weit fortgeschritten, sodass wir durch Bemühungen in diesem Bereich die 25 Prozent-Lücke alleine nicht werden schließen können.“

„Wir müssen sicher auch über längere Lebensarbeitszeiten nachdenken. Dabei geht es nicht um die Maurer und Fliesenleger, über die immer wieder diskutiert wird. Hier ist in vielen Fällen sicher kein längeres Arbeiten möglich. 60 bis 70 Prozent aller Menschen haben heute aber Bürojobs. Diese sind zumindest körperlich nicht so verschleißend. Wir brauchen eine offenere gesellschaftliche Debatte darüber, dass Menschen, die wollen und können, auch länger arbeiten können. Ich bin mit meinen 67 Jahren ja selbst ein Beispiel dafür.“

„… ein festes Alter für den Ausstieg aus dem Erwerbsleben (darf) nicht zum Prellbock werden. Das ist auch wichtig dafür, dass Menschen über 50 noch weiterbildungsbereit sind.“

Professor Stowasser:

„In Regionen wie dem Südwesten, wo praktisch Vollbeschäftigung herrscht, wird es schwerer, zusätzliche weibliche Arbeitskräfte zu finden. Auch im Osten sind viele Frauen bereits in Vollzeitbeschäftigung. Aber zum Beispiel in bestimmten Bereichen Nordrhein-Westfalens gibt es noch Potenziale, weil hier das klassische Familienbild mit dem alleinverdienenden Mann noch präsenter ist.“

„Die weitere Anpassung von Schichtarbeitszeiten mithilfe von KI kann helfen, mehr Akzeptanz dafür zu schaffen. Dadurch wird auch für Schichtarbeiter eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich sein. Das bringt neue Anreize auch für Frauen, in die Produktion zu wechseln.“

(Digitale) Weiterbildung

Professor Spath:

„Wir müssen in der Weiterbildung neue Wege gehen. Wir können die Menschen angesichts des Innovationstempos nicht jahrelang auf die Schulbank schicken! … Wir brauchen eine jobgerechte Weiterbildung, die Content schneller als bisher in die Umsetzung bringt und Lernende durch projektorientiertes Lernen zu selbstbestimmten Akteuren macht. Die Brücke von der Theorie in die Praxis muss kürzer werden.“

„Eine weitere Herausforderung für Unternehmen ist die Vorstellungswelt der jüngeren Generation, die nun uns Arbeitsleben geht. Sie haben beispielsweise andere Vorstellungen, was Arbeitszeiten angeht. Auf ihr größeres Freiheitsbedürfnis müssen Unternehmensführungen eingehen, ohne dass sich Ältere vernachlässigt fühlen.“

„Die weitere Anpassung von Schichtarbeitszeiten mithilfe von KI kann helfen, mehr Akzeptanz dafür zu schaffen. Dadurch wird auch für Schichtarbeiter eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich sein. Das bringt neue Anreize auch für Frauen, in die Produktion zu wechseln.“

Professor Stowasser:

„Das digitale Lernen wird sehr stark über Lerninseln in den Betrieben stattfinden. Der Lernweg wird spielerisch und motivierend über Gamification-Elemente stattfinden, die Erfolgserlebnisse vermitteln. Das nimmt auch Befürchtungen gegenüber neuen Technologien. Über Tutorials können Lernende jeweils zu neuen Leveln aufsteigen.“

„Die Innovationssprünge werde uns keine Zeit lassen, erst langwierig Curricula neu aufzubauen oder bestehende zu verändern.“

Dotcoms

Professor Spath:

„Im B2C-Sektor sind amerikanische Unternehmen wie Amazon und Google weit vorn und haben im Consumer-Sektor Monopole ausgeprägt, die unserer Kultur des Wettbewerbs zwischen mittelständischen Unternehmen fremd sind. … Welche Plattform am Ende Sieger ist, entscheidet in den USA die Börsenphantasie. Unsere Wirtschaftskultur stützt sich dagegen stark auf den Wettbewerb vor allem mittelständischer Unternehmen. Das mag nicht so spektakulär erscheinen, wie die Erfolge gigantischer Dot.coms in den USA und es braucht auch mehr Zeit. Wir sind damit aber bislang gut gefahren.“

Professor Stowasser:

„Viele unserer Mittelständler sind nischenorientiert und auf ihren Feldern jetzt bereits die Nummer 1 weltweit. Wir brauchen hier nicht in erster Linie Subventionen, sondern Zukunftsdenken. Wo liegen neue Geschäftsmodelle? Kreativität ist gefordert. Die Rahmenbedingungen bei der Infrastruktur und auch in der Finanzpolitik müssen natürlich stimmen. Zudem ist eine weiterhin konstruktive Sozialpartnerschaft erforderlich.“

Risiken und Nebenwirkungen von KI

Professor Spath:

„Wenn KI in Echtzeit eine gesamten Produktionsumgebung durchdringt, werden natürlich auch die Mitarbeiter sehr fein beobachtet. Wir haben die Debatte über den Umgang mit gewonnenen Daten und die Vertrauensgrenze von Anfang an mit Arbeitnehmervertretern geführt. Ich bin Mitglied im Arbeitskreis „Zukunft der Arbeit“ der IG Metall. Deutsche Unternehmer haben nach meiner Einschätzung kein Interesse daran, Arbeitsabläufe in Minutenbruchteilen zu beobachten. Ich gehe davon aus, dass hier in Deutschland kein Datenmissbrauch betrieben wird. Es mag auf der Welt Unternehmen geben, die in diesem Zusammenhang nicht integer sind. Wir haben hierzulande jedoch eine andere Unternehmenskultur.“

„Datenmissbrauch würde den sozialen Frieden gefährden. Das will im Kreis deutscher Unternehmen niemand!“

Professor Stowasser:

„Wir vom ifaa raten den Unternehmen, offen mit dem Thema umzugehen. Es müssen Spielregeln zum Umgang mit den Daten festgelegt, kommuniziert und eingehalten werden. Beantwortet müssen kritische Fragen zum mobilen Arbeiten, zum Umfang erhobener personenbezogener Daten, zur Dauer der Speicherung und zu Zugriffsmöglichkeiten auf diese Daten sowie nach Möglichkeiten, personenbezogene Verhaltens- und Leistungsrückschlüsse durch neue Technologien ableiten zu können.“

Arbeitswissenschaft 2030

Professor Spath:

„Die Arbeitswissenschaft sollte sich mit der Usability von KI-Systemen beschäftigen. Vorschläge intelligenter Maschinen müssen für Mitarbeiter nachvollziehbar sein. Nur so wird KI Akzeptanz gewinnen. Das ist, übertragen ausgedrückt, die Ergonomie künstlicher Intelligenz.“

„Auch organisatorisch ist die Arbeitswissenschaft gefordert, denn es ändert sich auch die gesamte Führungsstruktur. Wenn Maschinen künftig verstärkt dispositive Aufgaben übernehmen, werden Führungskräfte stärker als bisher zu Coaches und überlassen Mitarbeitern, die Übersichtswissen durch ihre Interaktion mit intelligenten Maschinen haben, die unmittelbare Erledigung ihrer Aufgaben.“

Professor Stowasser:

„Aus meiner Sicht gibt es vier große Zukunftsaufgaben der Arbeitswissenschaft:

  1. Flexibilisierung der Arbeitszeit,
  2. Wege zum erfolgreichen lebenslangen Lernen im Arbeitsprozess,
  3. arbeitswissenschaftliche Fragestellungen rund um Digitalisierung und Technologie – beispielsweise die Frage, wie lange man Datenbrillen tragen kann und welche Inhalte eingespielt werden, damit Beschäftigte sich weder langweilen noch überfordert sind,
  4. die Rolle der Führung und die Formen der Organisationen in der neuen Arbeitswelt.“

Zukunft der Industrie

Professor Spath:

„Wir haben zwei Hauptbranchen in Deutschland. Das ist die Autoindustrie – Platz 1 beim Umsatz und Platz 2 bei den Beschäftigten. Gefolgt wird sie vom Maschinenbau – Platz 2 beim Umsatz und Platz 1 bei der Beschäftigung. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Position als einer der global wichtigsten Industrieausrüster halten können. Im B2B-Sektor werden wir stark bleiben. Im B2C-Sektor – der Autoindustrie – ist die Lage schwieriger.“

„Das hat auch mit der gesellschaftlichen Stimmung zu tun: Viele in Deutschland sind bei gewissen Themen wie zum Beispiel dem Klimawandel nicht unbedingt faktenzentriert unterwegs.“

„Wir werden … in Zukunft einen Mix unterschiedlicher Antriebstechnologien benötigen. Eine rationale Debatte über Mobilität ist Voraussetzung dafür, dass unser zweites wirtschaftliches Standbein weiterhin erfolgreich ist.“

 

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.