Interview mit NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart: Deutschland 4.0? Wie weit sind wir?

Der Ingenieurwissenschaftler Professor Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa, und Lehrbeauftragter am Karlsruhe Institut für Technology (KIT) und Carsten Seim haben ein Interview mit dem NRW-Innovationsminister Professor Andreas Pinkwart geführt. Über dieses Gespräch schreibt Stowasser: „Skepsis und schlimmstenfalls Verweigerungshaltungen gegenüber den neuen Technologien können wir begegnen, indem wir eine humanorientierte Debatte mit allen, die es angeht, führen — Unternehmen, Beschäftigte, Sozialpartner und Politik.“ Pinkwart meint: „Digitalisierung und künstliche Intelligenz – wir Deutschen sollten stärker zeigen, was wir können!“ Das Gespräch ist erschienen im arbeitswissenschaftlichen Fachmagazin Betriebspraxis & Arbeitsforschung. Auszüge:

[Update 19. März 2019]

Hier finden Sie das komplette Interview mit den Professoren Andreas Pinkwart und Sascha Stowasser zum Download.


Professor Andreas Pinkwart (FDP), Innovationsminister in Nordrhein-Westfalen

„Wir haben in Deutschland enorme Fähigkeiten bei der künstlichen Intelligenz und beim maschinellen Lernen. Denn wir arbeiten daran schon seit Jahrzehnten intensiv. Wir haben auch Industrie 4.0 als Konzept erfunden und alle Welt damit überrascht, wie wir das Internet der Dinge organisieren können. Das eröffnet uns als Maschinenbau-Nation ganz besondere Chancen, intelligente vernetzte Wertschöpfungsketten zu schaffen.“

Andreas Pinkwart zu Big Data:

„Wir Deutschen haben uns bei Big Data bisher zurückgehalten. Da sind die Amerikaner wesentlich weiter. Die Chinesen haben dieses Thema ebenfalls sehr intensiv aufgegriffen und sich unabhängig von den Amerikanern entwickelt. Wir müssen auf diesem Feld europaweit vorankommen und eine Datenplattform schaffen, die es ermöglicht, Daten zwischen Organisationen sicher und souverän zu teilen. Der Anfang dazu ist gemacht: Bei Fraunhofer haben wir eine Plattform entwickelt, auf der verschiedene Unternehmen ihre Daten in anonymisierter Form zusammenführen. Damit erzeugen wir einen Datenbestand, der auch Big Data-Analysen ertragreich werden lässt.“

Andreas Pinkwart über Mensch-Maschine-Interaktion:

„Das Internet der Dinge bedeutet, dass Mensch und Maschine in Zukunft noch enger zusammenarbeiten werden. Mensch und Maschinen lernen dabei auch voneinander und optimieren ihre Zusammenarbeit. Solche Algorithmen dürfen aber nicht dazu führen, dass Menschen am Arbeitsplatz überwacht werden und in ihren Arbeitnehmerrechten eingeschränkt werden. Das kann man auf der politisch-rechtlichen Ebene ausschließen. Wir brauchen einen Rechtsrahmen, der auf einem ethischen Wertekonzept aufbaut. Die Sozialpartner arbeiten ebenfalls an diesen Themen. Es geht um ein humanes Arbeiten in der digitalen Welt.“

Andreas Pinkwart über die erforderliche „Kultur des Wandels“:

„In den strategischen Prozess zur Entwicklung einer menschengerechten digitalen Arbeitswelt müssen Mitarbeiter einbezogen werden. Geklärt werden muss, wie Arbeit in digitalen Strukturen gestaltet wird, damit sie für alle einen Fortschritt bringt. Eine digitale Zukunft kann nur gut sein, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir müssen uns aber auch ans Ausprobieren trauen und mutig genug sein, manches einfach einmal zu machen und es mit Feedback-Loops zu überarbeiten. Wir brauchen eine neue Fehler- und Lernkultur, die die in Deutschland verbreitete Fehlervermeidungskultur ablöst.“

Andreas Pinkwart über Forderungen nach Liberalisierungen in der Arbeitsgesetzgebung:

„Ich kann mir für die tarifgebundenen Bereiche vorstellen, dass wir beim Arbeitszeitgesetz zu weiteren Öffnungen kommen. Das halte ich auch für richtig. Bei diesen Öffnungen muss es aber Maß und Mitte geben: Die Menschen brauchen Freiräume, in denen sie nicht zwingend online sein müssen.“

Andreas Pinkwart zu Befürchtungen, dass Digitalisierung Jobverluste bringt:

„Uns wird durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Arbeit nicht ausgehen: Jeder Mensch kann im Lauf seines Lebens maximal zwei oder drei seiner Talente zur Entfaltung bringen. Wenn uns aber Maschinen beim Lernen und Üben unterstützen, können wir in unserer Lebenszeit vielleicht deutlich mehr Talente entwickeln. Daraus können viele neue Geschäftsmodelle und damit Arbeitsplätze entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen.“

Andreas Pinkwart zu Defiziten bei der Breitbandverkabelung:

„Wir sind beim flächendeckenden Ausbau von Breitband sicher im Verzug. Staatliche Hilfen waren bislang zu kompliziert. Wir haben deshalb eine Bugwelle von Förderbescheiden, die nicht abgerufen werden. Kommunen müssen international ausschreiben und haben es teilweise schwer, die PS auf die Straße zu bringen.
(…)
Ich wünsche mir da mehr Pragmatismus in den Bauämtern. Die Niederländer sind mit Micro-Trenching schneller unterwegs. Es wäre in Zeiten des Baubooms, in denen die Tiefbau-Kapazitäten der Bauunternehmen begrenzt sind, ganz besonders wichtig, wenn man sich auf einfachere und schnellere Verlegemethoden verständigen könnte.“

Das Gespräch mit den Professoren Andreas Pinkwart und Sascha Stowasser erschien in der Zeitschrift Betriebspraxis & Arbeitsforschung, Zeitschrift des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa – Think Tank der deutschen Metall- und Elektro-Industrie. Interview: Carsten Seim, Fotos: Tanja Walck

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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