Professor Dr. Hans Tietmeyer verstorben

Der frühere Bundesbankpräsident Professor Hans Tietmeyer mit Lord Ralf Dahrendorf und Carsten Seim
Der frühere Bundesbankpräsident Professor Hans Tietmeyer mit Lord Ralf Dahrendorf

Diesem Mann über mehrere Jahre hinweg zuarbeiten zu dürfen, habe ich als Privileg empfunden. Und ich habe ihn — offen zugegeben – bewundert. Für seinen Lebensweg. Für seine Prinzipienfestigkeit, für seine Übersicht, für seine Arbeitshaltung: Entwurfsfassung abends um 19 Uhr gefaxt, nach 23 Uhr signalisierte das Faxgerät, dass er seine Korrekturen auf den Weg geschickt hatte. Sparsam, jedoch stets an entscheidenden Stellen, fanden sich seine Anmerkungen in der für ihn typischen wie mit dem Lineal gezogenen Schrift. Professor Dr. Hans Tietmeyer, früherer Präsident der Deutschen Bundesbank, Zeitzeuge Ludwig Erhards, Staatssekretär und päpstlicher Berater, ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

„Er war der letzte Präsident der Bundesbank zu D-Mark-Zeiten, beriet Helmut Kohl und überlebte einen Anschlag der RAF“, schreibt die FAZ in einem Nachruf. In einer Mitteilung der Deutschen Bundesbank zum Tode Tietmeyers heißt es dazu:

„Als Terroristen der RAF (Rote Armee Fraktion) im Vorfeld einer Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank im September 1988 einen Mordanschlag auf ihn verübten, dem er nur knapp entging, war das für ihn kein Grund, dem Dienst fernzubleiben: Er setzte sein Tagespensum ohne Unterbrechung fort. Hans Tietmeyer verlangte viel von sich selbst und auch von anderen.“

Für eine Publikation zu seinem 75. Geburtstag habe ich mit vielen Zeitzeugen gesprochen und dabei auch ein Bild gewonnen, wo dieser Mann herkommt und was seine Überzeugungen geprägt hat. Auszüge aus diesem Bericht, der vollständig auch auf Professor Tietmeyers persönlicher Webseite dokumentiert ist.

Metelen – Geburtsort von Hans Tietmeyer: Tiefe Wurzeln in der Münsterländer Heimat

In einem beschaulichen Ort dicht hinter der niederländischen Grenze ist Hans Tietmeyer geboren. Er hat später wiederholt betont, wie sehr ihn seine Münsterländer Heimat geprägt hat. 

Als „westfälische Eiche“ hat sich Hans Tietmeyer selbst bezeichnet. Die Wurzeln dieses Mannes liegen im münsterländischen Metelen, ein 6363 Einwohner zählendes Ackerbürgerstädtchen 20 Kilometer hinter der niederländischen Grenze. Die dominierende Fassadenfarbe ist das Rot der Backsteinmauern.

Im Ortszentrum verweist das Denkmal eines „Plaggenstiäkers“ darauf, wie hart die Menschen noch bis ins letzte Jahrhundert hinein arbeiten mussten, um den kargen Heideboden urbar zu machen. „Plaggen“ sind rechteckige Stücke aus dem durchwurzelten Heideboden. Sie wurden bis in die 30er Jahre gestochen und als Streu für den Stall verwendet, um anschließend als Dünger auf den kargen Äckern ausgebracht zu werden. Eine schweißtreibende und ertragsarme Arbeit, die die Menschen in dieser Region geprägt hat.

Der Straßenname „Seidenweberweg“ erinnert auch an die zweite wichtige Erwerbsquelle der Menschen hier: die in den 70er-Jahren weitgehend untergegangene Textilindustrie. Am Ortsausgang steht ein Kaufhaus mit einem großen Schild: „Tietmeyer“. „Das Kaufhaus ist hervorgegangen aus einer Eisenwarenhandlung, die unser Großvater Josef Tietmeyer betrieben hat“, erklärt Tietmeyers Bruder Albert, der sich im örtlichen Heimatverein engagiert. „Großvater Josef war Schmied, er produzierte Bohrer und Werkzeuge für die damals in dieser Region heimische Holzschuhproduktion.“

„Bei uns zu Hause ging es preußisch diszipliniert zu“,schildert Albert das Leben in seiner Kindheit. Anders wären die Tietmeyers wohl kaum über die Runden gekommen. Das nicht eben üppige Einkommen des Vaters Bernhard, 1968 pensionierter Amtsinspektor mit Verantwortung für die Gemeindekasse, musste eine Familie mit 11 Kindern, acht Jungen und drei Mädchen, ernähren. Mutter Helene, sie starb 2003 mit 99 Jahren, hielt kraftvoll den Haushalt zusammen.

„Jeder hatte seine Zuständigkeit“, sagt Albert, ob das nun fürs Gemüse im Garten des Backstein-Hauses an der Bahnhofstraße war oder für die zwei Schweine, die man im Schuppen hinter dem Haus hielt. Ausmisten, in aller Frühe Kohlen und Holz im Ofen anfachen, Arbeit im Nutzgarten – harte Arbeit von Kindesbeinen an. „Keine Lust? Das gab es nicht!“ Vom Vater habe Hans die Genauigkeit geerbt, von der Mutter die Kraft und das Durchsetzungsvermögen.

(…)

Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete Hans Tietmeyer in der Seidenweberei Gebhardt, reinigte dort Textilmaschinen. „Er nahm bevorzugt die schmutzigsten Arbeiten an, weil es dabei noch ein paar Groschen Schmutzzulage gab“, erinnert sich Bruder Albert. Hans Tietmeyer hat in den Semesterferien auch als Waldarbeiter sowie unter Tage gearbeitet, Kohle hauen in der Zeche „Auguste Viktoria“.

Eine Grubenlampe, die der Student Hans Tietmeyer damals benutzte, ist heute noch in Metelen ausgestellt: Im Ackerbürgerhaus, einem vom Heimatverein liebevoll restaurierten Fachwerkhaus, das als einziges einen verheerenden Brand überlebt hat, der Metelen im 19. Jahrhundert heimgesucht hatte. Seit der Renovierung trägt es den Namen „Ackerbürgerhaus Hans Tietmeyer“ und wird als Heimatmuseum genutzt. Zu sehen sind dort auch zahlreiche Widmungen von Ministern, unter denen Hans Tietmeyer gedient hat, außerdem Bilder von Gipfeltreffen, eine Plakette von Papst Johannes Paul II., der den großen Sohn der Gemeinde 1997 zur Privataudienz empfangen hatte.

„Zur Erinnerung an fruchtbare Zusammenarbeit“, hat der frühere Wirtschaftsminister Karl Schiller, SPD, am 17.11.1972 auf ein Porträtfoto geschrieben, am 29. Oktober 1982 dankte auch Otto Graf Lambsdorff seinem Abteilungsleiter, mit dem gemeinsam er zu diesem Zeitpunkt bereits bundespolitische Geschichte geschrieben hatte. Ein Vermerk zur damals krisenhaften Wirtschaftslage in Deutschland war zur Scheidungsurkunde der sozial-liberalen Koalition geworden.

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Aufzeichnung: Carsten Seim

Carsten Seim

Carsten Seim, Redaktionsbüro avaris | konzept

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